Ich weiss, dass ich nichts weiss

Zur Zeit nehme ich mit einem mulmigen und ziemlich angewiderten Gefühl, all diese „Informationen“ zum Absturz der Germanwings-Maschine zur Kenntnis, denen ich mich kaum entziehen kann.
Ich weiss nicht, was an Bord der Maschine passiert ist. Ich weiss nicht, ob es ein Unfall oder Absicht war. Oder gar WESSEN Absicht.

Ich wundere mich über diese so wunderbar zusammen passenden Puzzleteilchen, die wir in wohldosierten Häppchen vorgesetzt bekommen und andere, die plötzlich wieder diskret verschwinden.
Es kommt mir vor, wie das fast immer gleiche Strickmuster, wenn etwas unfassbar Schreckliches geschieht, das den Weg in unsere Wahrnehmung findet: Zur Schau gestellte Betroffenheit (ein Urteil darüber, ob echt oder unecht wäre Spekulation), ein unerträglicher Hagel an detaillierter „Information“ - eigentlich ein geschüttelter Cocktail aus "Expertenmeinungen" (?) und "Erkenntnissen" - und ein unglaublich schnell gefundener Schuldiger. Manchmal eine Gruppe, manchmal eine Einzelperson.

Extrem schwierige Bedingungen in dem schwer zugänglichen Gelände? Stimmenrekorder beschädigt? Wrackteile pulverisiert? Man weiss es trotzdem….
Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Deshalb gehe ich hier nicht weiter auf den Gedanken ein, was denn im Schatten dieses schrecklichen Ereignisses so alles gerade nicht wahrgenommen wird. Ich weiss es einfach nicht.

 

Ich wundere mich über die vielen Menschen, die ich „routinemässig“ über „die Politiker“ und die „Wirtschaftsbosse“ etc. wettern höre. (Wen genau meinen sie damit eigentlich? Ich kenne die Menschen hinter den uns präsentierten Figuren in ihren Rollen nicht. Ich weiss nicht, was sie erlebt haben, was ihre wirklichen Gedanken und Beweggründe oder ihre ganz persönlichen Wünsche und Ziele sind.).

Genau diese Menschen, die Politikern etc. kein Wort glauben, erzählen mir nun mit einer Sicherheit, als wären sie selbst mit im Cockpit dabei gewesen, was sich zugetragen hat. Wenn ich frage, woher sie das wissen, bekomme ich – verdutzt und leicht ungehalten - zur Antwort: „Na hör mal. Das weiss man ja inzwischen! Das kam doch im Fernsehen!“. Es wird nicht hinterfragt, wer die Information auswählt und zur Verfügung stellt, mit wessen Geld dies finanziert wurde und wessen Interessen allenfalls dahinter stehen können. Was im Fernsehen (oder in der Zeitung) kommt, war so. Punkt. Man weiss jetzt, was geschehen ist, kann es einordnen.
Es scheint unerträglich bedrohlich zu wirken, vieles (das meiste) nicht (und vermutlich nie) zu wissen.

 

 

Ich weiss, dass ich nichts weiss.


 


...schon gar nicht das, was mir von offizieller Seite vorgesetzt wird.
Und selbst, wenn es doch ganz genau so geschehen ist, so war auch dieser Schuldige ein Mensch, der von einer Familie geliebt wurde, deren Welt nun zerbrochen ist und die einen Weg finden muss, mit dem Unfassbaren umzugehen.

Wie furchtbar muss es sein, neben dem unerträglichen Schmerz von Verzweiflung und Trauer nun auch noch diesen schrecklichen Vorwürfen und Angriffen ausgesetzt zu sein. Ich kann mir nicht mal annähernd vorstellen, wie es diesen Menschen gehen muss. 

 

Tief betroffen und traurig denke ich an diese Menschen, die ihr Leben verloren haben und an diejenigen, die noch nicht einmal erfassen können, dass sie ihre Liebsten nie mehr in die Arme schliessen werden und wünsche mir wieder mehr Achtung und Respekt vor Toten und Lebenden.

 

 

 

Bildquelle: K. Kaden